Herzer, Dorothea: Zurechnung : Überlegungen zu einem Aspekt des Verantwortungsbegriffs unter besonderer Berücksichtigung von Entwicklungen in Psychotherapie und Theologie
Taunusstein : Driesen, 2. Aufl. 2010 (Driesen Theologie). - 187 S., 19 cm. Zugl.: Marburg, Universität, Dissertation, 2006. ISBN 978-3-86866-069-2, Softcover, 26,00 Euro Vom Thema der Zurechnung ist wohl jeder Mensch täglich betroffen. "Wer war das?", "Das wollte ich nicht!", "Das war doch nicht abzusehen!" - Solche alltäglichen Äußerungen gehören in das weite Feld der Rede von der Zurechenbarkeit. Zurechnungsfragen beziehen sich darauf, unter welchen Bedingungen und Umständen ein Mensch als Urheber einer Handlung oder Begebenheit zu sehen ist. Was sich auf die Zurechenbarkeit bezieht, gehört zum Herzstück von Menschenbildern. Denn Annahmen bezüglich der Zurechenbarkeit implizieren Aussagen über Freiheit, Verantwortung und Schuld. Dorothea Herzer untersucht die Behandlung von Zurechnungsfragen aus interdisziplinärer Sicht. Die Autorin stellt die Rede von der Zurechenbarkeit in ihrer klassischen Ausformung dar und zeigt gegenwärtige Problematisierungen der traditionellen Fassung auf. Besonderes Augenmerk richtet die Autorin auf die Fachrichtungen Psychotherapie und Theologie. Die Autorin: Jahrgang 1969; Studium der ev. Theologie und Psychologie in Kiel und Marburg; Diplom-Psychologin; Promotion zur Doktorin der Theologie an der Philipps-Universität Marburg; Pfarrerin der ev. Kirche der Pfalz.
1. Vorwort Vom Thema der Zurechnung ist wohl jeder Mensch täglich betroffen. "Wer war das?", "Das wollte ich nicht!", "Das war doch nicht abzusehen!" - Solche und andere alltägliche Äußerungen gehören in das weite Feld der Rede von der Zurechenbarkeit. Unter welchen Bedingungen und Umständen wird ein Mensch als Urheber einer Handlung, oder allgemeiner einer Begebenheit, gesehen? Dies ist das Thema der Zurechnung. Zurechnungsfragen gehören dem größeren Kontext der Verantwortungsthematik an. Häufig werden sie dort mitverhandelt. Ich widme mich hier ganz dem Thema der Zurechnung. Ich untersuche die Behandlung von Zurechnungsfragen aus der Sicht mehrerer wissenschaftlicher Disziplinen. Besonderes Augenmerk richte ich auf die Bereiche Psychotherapie und Theologie. Zurechnungsfragen sind komplex. Sie stehen in Nachbarschaft zu großen philosophischen Themen wie beispielsweise zur Frage nach der Freiheit oder Determiniertheit des Menschen. Sie betreffen mehrere Disziplinen. Um nur einige zu nennen: praktische Philosophie, Rechtswissenschaft, theologische Ethik, theologische Anthropologie, praktische Theologie, Sozialpsychologie, Entwicklungspsychologie. Zurechnungsfragen unterliegen geschichtlichen Wandlungsprozessen. Ihre praktischen Konsequenzen sind allgegenwärtig. Zurechnungsfragen sind Urheberschaftsfragen. Was sich auf die Zurechenbarkeit bezieht, gehört zum Herzstück von Menschenbildern. Denn Annahmen bezüglich der Zurechenbarkeit implizieren Aussagen über Eigensteuerung, Verantwortung und Schuld. Die Rede von der Zurechenbarkeit ist interdisziplinär. Ich beschäftige mich mit ihr vor dem Hintergrund meiner beiden Disziplinen der Evangelischen Theologie und der Psychologie. Für mich liegt ein besonderer Reiz darin, ein Thema, das in der Tradition ein gewichtige Rolle spielt und zugleich eine aktuelle Relevanz besitzt, von psychologischer und theologischer Seite zu beleuchten. Der Duktus der Dissertation folgt einer theologischen Orientierung. Er beruht auf der Einsicht, dass das Kerygma jeweils im Bezug auf die Situation formuliert werden muss. Im ersten Teil stelle ich die Rede von der Zurechenbarkeit in ihrer klassischen Ausformung und aus mehreren Perspektiven dar. Dabei weise ich einzelne historische Bezüge auf und lege gegenwärtige Problematisierungen der traditionellen Fassung dar. Im zweiten Teil untersuche ich aus dem Gebiet der Psychologie zwei ausgewählte Schulen der Psychotherapie auf Implikationen, die die Zurechnung betreffen. Die Auswahl und die Vorgehensweise werden dort reflektiert. Die Leitidee dieses zweiten Schrittes der Untersuchung besteht darin, mit der Psychologie eine gesellschaftlich relevante und, Auffassungen vom Menschen betreffend, derzeitig äußerst einflussreiche Größe zur Zurechnungsthematik zu befragen. Auch dieser Schritt beruht auf dem theologisch begründeten Anliegen, Merkmale und Entwicklungen der allgemeinen Situation in wacher Zeitgenossenschaft wahrzunehmen. Der dritte Schritt ist genuin theologisch. Er enthält ein retardierendes Moment. In einem Rückgriff auf die Tradition reformuliere ich Luthers Ansatz im Bezug auf das Zurechnungsthema. Unter den traditionellen Positionen bietet sich Luther an. Genaueres hierzu wird im dritten Teil erörtert. Die Entscheidung, eine traditionelle Position auszuwählen, folgt der Intention, sich durch einen geschichtlichen Rückgriff vor möglichen Verengungen des Blicks in der Gegenwart zu schützen. Im vierten und letzten Teil setzte ich die Ergebnisse zueinander in Beziehung und diskutiere sie. Ich schließe mit praktisch-theologischen Überlegungen. Für die freundliche Begleitung meiner Tätigkeit bin ich meinem Mentor, Prof. Dr. Dr. h.c. Horst Schwebel, sehr dankbar. Darüber hinaus danke ich Prof. Dr. Dietrich Korsch für die Erstellung des Zweitgutachtens und nicht zuletzt meinen Eltern, Theo und Shirley Herzer, die mich stets in meinen Interessen gefördert haben. Neustadt an der Weinstraße, im Februar 2007 Dorothea Herzer Inhalt Vorwort Inhaltsverzeichnis I. Die Rede von der Zurechenbarkeit 1. Annäherung an den Verantwortungsbegriff 1.1. Etymologie 1.2. Heutiger Sprachgebrauch 1.3. Systematische Überlegungen zum Verantwortungsbegriff 2. Die Rechenschaftsverantwortung 3. Zurechnung 3.1. Fünf Perspektiven des gegenwärtigen Umgangs mit Zurechnungsfragen a) Zurechnung im (straf-)rechtlichen Kontext: b) Kausalität und Zurechnung c) Zurechnung im handlungstheoretischen Kontext d) Zurechnung und moralisches Urteil e) Zurechnung im Kontext der sozialen Praxis 3.2. Kriterien der Zurechenbarkeit 3.3. Die klassische Vorstellung und ihre bisher formulierten Schwierigkeiten 4. Gegenwärtige Entwicklungen der Rede von der Zurechenbarkeit 4.1. Einschränkungen 4.2. Ausweitung 4.3. Die Ausweitung der Zurechnungskriterien bei kollektiver Verursachung 4.4. Die Ambivalenz II. Die Rede von der Zurechenbarkeit in der Psychotherapie 1. Wissenschaftstheoretische Vorüberlegungen zum Verhältnis von Anthropologie und Psychotherapie 2. Zur Auswahl der psychotherapeutischen Schulen 3. Zurechnung und Psychotherapie 4. Die Rede von der Zurechenbarkeit in der Psychoanalyse 4.1. Zurechnungsvorgänge: innerpsychisch 4.2. Ätiologiekonzepte und Zurechnung 4.3. Zu Freuds Theorie der Neurosenentstehung 4.4. Die Verführungstheorie 4.5. Implikationen des Konzepts der Nachträglichkeit 4.6. Die Abkehr von der Verführungstheorie 4.7. Fazit 5. Die Rede von der Zurechenbarkeit in der Verhaltenstherapie 5.1. Die Verhaltenstherapie 5.2. Zurechnung in der Verhaltenstherapie 5.3. Die funktionale Analyse 5.4. Zurechnung und funktionale Analyse 5.5. Fazit 6. Doppelfazit: Die Rede von der Zurechenbarkeit in der Psychoanalyse und in der Verhaltenstherapie III. Die Rede von der Zurechenbarkeit in der Theologie - eine Rekonstruktion der Position Martin Luthers 1. Die Zurechnung und die Theologie 2. Martin Luther und die Rede von der Zurechenbarkeit 3. Die Imputation in der Theologie Martin Luthers 4. Rechtfertigung und Personalität: zwei Positionen der Lutherrezeption 5. Der Mangel an Zurechenbarkeit in geistlichen Dingen: Luthers "exzentrische" Anthropologie 6. Die Unfreiheit des Willens 7. Unfreiheit und Freiheit 8. Disputatio de Homine: zum Verhältnis von theologischer und nichttheologischer Anthropologie 9. Die Zurechenbarkeit von Sünde: Implikationen im Bezug auf das Gottesbild 10. Fazit IV. Resümee 1. Rückblick 2. Überlegungen zur Kommensurabilität der Positionen 3. Luther und die heutige Zurechnungsproblematik 4. Überlegungen zum heutigen theologischen Umgang mit Zurechnungsfragen 5. Praktisch-theologische Implikationen V. Literatur VI. Anhang
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