Herding, Klaus / Krause-Wahl, Antje (Hg.): Wie sich Gefühle Ausdruck verschaffen - Emotionen in Nahsicht
Taunusstein : Driesen, 2. Aufl. 2008 (Driesen Kunstgeschichte). - 366 S., 48 Abbildungen, 2 Tabellen, 19 cm. ISBN 978-3-86866-076-0, Softcover, 42,00 Euro. Wie sich Gefühle Ausdruck verschaffen - in bildender Kunst, Musik, Literatur, aber auch im Alltag - das beschäftigt Natur- und Kulturwissenschaftler seit Jahren. Immer drängender wird diese Frage von der Neurophysiologie gestellt, und auch bei der Erforschung künstlerischer und medialer Erfahrungen rückt das Ausloten von Emotionen in den Vordergrund, wohl deshalb, weil Gefühle aus der effizienzbeherrschten Alltagswelt vertrieben oder kommerzieller Nutzung unterworfen sind. Die hier publizierte Abschlusstagung des Graduiertenkollegs "Psychische Energien bildender Kunst" bietet unterschiedliche Vorschläge aus vielen Fachrichtungen an. Die Beispiele reichen von spätmittelalterlicher Malerei bis zu Gedichten, Filmen und Videoclips der Gegenwart. Sie untersuchen Körpersprache, Gesten, Farbe und Form, stets im Rekurs auf historisch-politische, erkenntnistheoretische und naturwissenschaftliche Rahmenbedingungen. Inhaltsverzeichnis Klaus Herding Wie sich Gefühle Ausdruck verschaffen. Emotionen in Nahsicht David Freedberg Empathy, Motion and Emotion* Hans Hacker Neuronale Rezeption emotionaler Inhalte der darstellenden Kunst Martin Hartmann Damasios Irrtum: Möglichkeiten und Grenzen der neurophysiolo gischen Gefühlsforschung aus philosophischer Sicht Ulrich Pfarr Rätselhaftes Lächeln. Leonardo da Vinci und heutige Naturwissenschaftler im Dialog Anne Hamker Eine Sache des Gefühls? Die Rezeption von Bill Violas The Greeting im Experiment. Harald Hendrix Provoking Disgust as an Aesthetic Strategy: On the Representation of the Non-Beautiful in Aristotle\'s Poetics and in Art Theory of the Italian Renaissance and Baroque Marianne Koos "Fare toccar con mano". Berührung im ‚Ärmelporträt\' des Cinquecento Ulrich Heinen Komponieren im Affekt. Vergil - Monteverdi - Rubens Thomas Kirchner "...le chef d\'œuvre d\'un muet..." - der Blick der bildenden Kunst auf die Affekte Kerstin Thomas Die Poetik des Tagtraums. Arkadische Heiterkeit bei Pierre Puvis de Chavannes Bernhard Stumpfhaus Zärtlichkeit als revolutionäre Tugend Einige Bemerkungen zur Funktion der Empfindung im Surrealismus Joseph Imorde Das Weinen bei Mark Rothko Oliver Grau Vorsicht! Es scheint, daß er direkt auf die Dunkelheit zustürzt, in der Sie sitzen Immersions- und Emotionsforschung, Kernelemente der Bildwissenschaft Burkhardt Lindner Wäre Freud ins Kino gegangen... Früher Zeichentrickfilm, Affektbildung, Psychoanalyse Gerlinde Gehrig Affekt als Maske? Zur Darstellung der Wut bei Cindy Sherman Henry Keazor "An unforgettable emotional impact" - Jay-Z/Mark Romanek: "99 Problems" Simone Winko Text-Gefühle. Strategien der Präsentation von Emotionen in Gedichten
Klaus Herding
Wie sich Gefühle Ausdruck verschaffen. Emotionen in Nahsicht Einleitung
Die Emotionsforschung hat sich endlich von der bloßen Einfühlung emanzipiert. Gerade in den "Bildwissenschaften", die ja auch die Analyse von Architektur und Skulptur, von Fotografie und bewegten Bildmedien umfassen, war die Versuchung groß, dem visuellen Material mit einer Sprache zu begegnen, in der im Grunde nichts anderes geschah, als die eigene emotionale Befindlichkeit auf den Gegenstand zu projizieren. Durch den zunehmenden Austausch mit Neuro- und Kognitionswissenschaftlern, mit Psychologen und Psychoanalytikern hat sich, ganz abgesehen von dem schon selbstverständlich gewordenen Diskurs zwischen Literatur-, Kunst-, Musik- und Geschichtswissenschaften, in den letzten fünfzehn Jahren ein anderes Reflexionsniveau herausgebildet. Zudem sind die historischen Parameter, auf die sich Künstler wie Produzenten im Bereich von Werbung und Neuen Medien beziehen, inzwischen so weit erforscht, dass auch der Kunsthistoriker bereit sein wird, sich mit Aussagen über dargestellte Emotionen auf ein interaktives Beziehungsgeflecht einzulassen, in dem vieles vorbestimmt ist, bevor von einem "einmaligen" oder "einzigartigen" Ausdruck von Emotionen die Rede sein kann - mit solch hymnischen Worten geht man heute sparsamer um. Um den gegenwärtigen Forschungsstand genauer zu bestimmen, wären nun einige grundsätzliche Worte am Platze. Doch habe ich mich in dem Band "Pathos - Affekt - Gefühl" so prinzipiell wie möglich zur Emotionsforschung geäußert und die beteiligten Fachrichtungen zu verknüpfen versucht.i Daher möchte ich mich hier darauf beschränken, stichwortartig gewisse Problemfelder der Emotionsforschung zu benennen, die im interdisziplinären Diskurs weithin unberücksichtigt geblieben sind und auch im vorliegenden Band nicht behandelt werden. Ein erstes Problemfeld dieser Art betrifft den Grad der "Subjektleistung", der willentlichen Eigenschöpfung oder bewussten Formbarkeit von Emotionen. Selbst innerhalb der Neurowissenschaften ist es erneut kontrovers, wie weit der "freie" Wille reiche, wie weit jemand Zorn, Trauer, Lust oder Zuneigung in sich zulassen oder abwehren, zum Ausdruck bringen oder unterlassen kann oder wie weit er seinen Gefühlen ausgeliefert ist. Schon die Frage, ob man den neuronal vorgegebenen Ablauf mit Gefühl (feeling) oder mit Emotion (emotion) bezeichnen soll, ist, manchmal sogar bei ein und demselben Autor, strittig. Sind Emotionen unmittelbare neuronale Reaktionen auf reale Vorkommnisse und Gefühle den Emotionen folgende psychophysische Verarbeitungsprozesse von höherer Komplexität und länger anhaltender Konsistenz? Oder soll man mit Gefühlen den nicht steuerbaren neuronalen Ablauf bezeichnen, und mit Emotionen deren bereits mit Ratio durchmischte Verarbeitung im Gehirn? Unsere Autoren haben in unterschiedlicher Weise auf Antonio Damasios Unterscheidung beider Termini reagiert, oder sie sehen, wie David Freedberg, Emotionen als den übergreifenden Terminus an. Der Wechsel zwischen Gefühl und Emotionen im Titel des Bandes - Wie sich Gefühle Ausdruck verschaffen. Emotionen in Nahsicht - verweist bewusst auf diese offene Definitionsfrage hin. Auch die Frage, ob man etwa mit einem "Emotion Facial Action Coding System" Abläufe emotional generierter Ausdrucksbewegungen fehlerfrei, vollständig und unabhängig von der subjektiven Wahrnehmung der Codierer und der Befragten "ablesen" kann, wird wohl noch länger kontrovers bleiben. Einigkeit herrscht allenfalls darüber, dass eine Trennung zwischen Körper und Seele in diesem Bereich kaum möglich ist, da neuronale Aktivitäten Impulse für Geist und Herz vermitteln, die im Gehirn zusammenlaufen und von dort gesteuert werden. In den Code System-Ausdrucksfibeln wird auch nicht gefragt nach Ursachen und Intensitäten von emotionalem Ausdruck. Das Ausklammern solcher Fragen macht die neuen Regelbücher nicht wertlos; es belegt aber, wie notwendig geisteswissenschaftliche Quellenforschung auf diesen Gebieten ist. Oberflächlichkeit oder Tiefgang - könnten wir dafür keine Quellen beibringen, wären wir beispielsweise dem politischen keep smiling wehrlos ausgesetzt. Noch schwieriger scheint die Frage nach den Ursachen emotionaler Strategien zu sein. "Warum läßt sich der Abteilungsleiter nach Feierabend die Zukunft lesen, warum geht die Frauenbeauftragte zum Schwarzmondritual?"ii - das sind Fragen, welche die Hirnforschung nicht lösen kann. Aber nichts scheint so attraktiv zu sein, wie die aus Frustration sich nährenden Glücksversprechungen und die daraus zu schürenden Ängste. Die Antwort darauf, hieß es in einer den Emotionen gewidmeten Ausgabe des Spiegel, mögen die "Neurotheologen" geben.iii Mit vollem Bewusstsein ist hier keine wissenschaftliche, sondern eine Publikumszeitschrift eingeführt worden. In erstaunlichem Maße haben sich in den letzten Jahren solche Zeitschriften, aber auch Tageszeitungen und Fernsehsendungen emotionalen Problemen gewidmet. In populären Buchpublikationen wiederum wird vor allem das "Phänomen Glück" eingeklagt; Lösungen werden in vereinfachten Formeln der Hirnforschung gesucht und (vorschnell) gefunden.iv Diese populären Äußerungen aufzuarbeiten, könnte ein eigener Forschungsgegenstand sein und dazu beitragen, dass sich die Emotionswissenschaft nicht allzu sehr von den Emotionsbedürfnissen der Bevölkerung entfernt. Aber tiefere Antworten darauf kann nur ein Verbundsystem aus kultursoziologischen, historischen und psychologischen Erkenntnissen bieten, möglicherweise durchaus unter Einschluss der Theologie. Jedenfalls geben Neurophysiologen unumwunden zu, dass sie die Frage nach der Ursache eines Verzückungs- oder Schmerzausdrucks aus eigenen Kräften nicht beantworten können. Bei der Frage nach den Ursachen stellt sich ein weiteres Problem: Nur eine kultur- und geisteswissenschaftlich orientierte Emotionsforschung wird ergründen können, warum der Ausdruck von Glücks- oder Leidempfindung in einem bestimmten Kulturkreis anders ausfällt als in einem anderen. Ein Beispiel: In der Tagesschau konnte man einmal einen Japaner sehenv, der bei einem Erdbeben Hab und Gut verloren hatte. Während er davon berichtete, strahlte er übers ganze Gesicht. Dieser Ausdruck hat offensichtlich in Japan eine andere Bedeutung als hierzulande. Ähnliches läßt sich in der Gattung der "Chinaoper" bemerken. Das heißt: Ausdrucksmimik ist in anderen Kulturen, und auch zu anderen Zeiten, jeweils unterschiedlich konnotiert. Desgleichen gibt es im emotionalen Ausdruck schichten- und klassenspezifische Unterschiede, deren Erforschung erst begonnen hat.vi Aus der oben aufgeworfenen Frage nach der Intensität eines emotionalen Ausdrucks ergibt sich ein Grundproblem, das einer einvernehmlichen Lösung harrt: das der Komplexität von Emotionen, die in einem Kunstwerk komprimiert sind, im Gegensatz zu außerkünstlerischen und alltäglichen Emotionen. Wenn ein Neurowissenschaftler wie Wolf Singer äußert, dass ein künstlerisches Bild ungleich mehr Ausdrucksfacetten habe als ein standardisierter Basis-Gesichtsausdruck, dann bezeichnet er damit eine schwer zu überbrückende Kluft zwischen Alltag und Kunstwerk. Wenn er weiterhin feststellt, dass im neurowissenschaftlichen Bereich mit isolierten und gut definierten, bewusst vereinfachten Reizen gearbeitet werden müsse, da sonst gleich das ganze Gehirn aktiviert werde und eine Lokalisation von einzelnen Verarbeitungen nicht möglich sei, dann zeigt sich darin ein grundsätzlicher Unterschied zur "Lektüre" eines hochkomplexen und abgeschlossenen, also in seinen neuronalen Prozessen nicht mehr erforschbaren Kunstwerks. "Insofern", schließt die hier paraphrasierte Äußerung Singers, "liegt eine unendliche Entfernung zwischen der Komplexität der Kunst und neurowissenschaftlichen Erkenntnissen über die Verarbeitung von Emotionen im Gehirn."vii Man kann also die Ergebnisse neurologischer Forschung nicht unmittelbar auf die Analyse des künstlerischen Ausdrucks übertragen. Schließlich: Der Ausdruck von Affekten und Gefühlen wird bisher nur im Hinblick auf menschliche Mimik und Gestik untersucht (wie es seit jeher in der physiognomischen Forschung geschieht). Andere Gebiete, wie etwa die äußere Natur als Träger emotionalen Ausdrucks, bleiben davon unberührt - und das, obwohl allgemein bekannt ist, welch hohen Anteil an Gefühlsausdruck gerade Landschaftsbilder haben. Für die Literatur gilt dies ebenso; man braucht nur an Goethes Sesenheimer Lieder oder an die Gefühlsaufwallungen zu denken, von denen deutsche Naturgedichte im Vormärz übervoll sind.viii Um aber bei der bildenden Kunst zu bleiben: Caspar David Friedrichs Bilder mit Kreuzen, Ankern, Eisschollen oder "einsamen" Bäumenix sind voll von Gefühlsaufwallungen der Hoffnung, Sehnsucht, Trauer, der Verzweiflung oder des Trostes, gerade da, wo sie menschenleer sind. Ähnliches gilt für Anselm Kiefers Bilder der Märkischen Heide. Der Übergang vom Gesichtsausdruck zum emotionalen Landschaftsausdruck wird sichtbar in Kiefers Dein goldenes Haar, Margarethe von 1980, wo wir im gelben Strich und in den schwarzen Augenhöhlen zwar noch Allusionen an eine Figur finden, wo die menschliche Gestalt sich aber in eine durchfurchte, also mit Arbeitsspuren versehene Landschaft auflöst, deren Ertrag nicht sichtbar wird. Selbstverständlich haben wir hier ein verdecktes Historienbild vor uns, das mit den farbsemantischen Konnotationen von Hellblau, Karminrot, Schwarz, Braun und Goldgelb und den verwegenen Schraffen eine Reflexion über verbrannte Erde, mit den Bildern Margarethe und Sulamith auch über den Holocaust, enthält und, fast allzu deutlich schon, auch Verzweiflung einschließt. Der Kreis zu C. D. Friedrich schließt sich in der Gegenwartskunst wieder mit Gerhard Richter, der vielfach die Brechung von Emotionen, auch deren Negation, in Landschaftsbildern erprobt. Eine verhüllte Empfindung ist zum Beispiel in seinem Seestück von 1975 zu erkennen, einem Bild, das, ohne jede figurale Inszenierung, zweifellos auf Friedrichs Mönch am Meer anspielt. Richters Unschärferelationen begünstigen hier und in anderen Werken die Wahrnehmung einer nicht eindeutig festgelegten Stimmung der Einsamkeit. Eine Emotionsforschung, die sich solchen naturmetaphorischen Emotionsgehalten verschlösse, wäre auf lange Sicht eine sehr verkürzte Wissenschaft, ja ein Rückfall, denn schon die Jesuiten wussten, dass sich die Mittel der persuasione nicht auf den Gesichtsausdruck beschränken, sondern auch auf das Ambiente erstrecken, auf die Ärmlichkeit und Alltäglichkeit oder auf die Hoheit und erhebende Atmosphäre, welche die Figuren umgibt. In dieser Hinsicht sehe ich sowohl einen methodischen als auch einen sachlichen Nachholbedarf. Der Blick auf diese Leerstellen und Problemfelder soll nicht entmutigen, uns aber lehren, die Vorläufigkeit aller Aussagen innerhalb der Emotionsforschung zu erkennen - wir tun gegenwärtig nichts anderes als Expeditionen in eine kaum kartographierte Wüste oder in ein unbekanntes Hochgebirge zu unternehmen. Es wäre auch verfrüht, von einem Diskurs über Emotionen, wie er z. B. in der 2004 erschienenen Publikation über "Pathos, Affekt, Gefühl" oder im vorliegenden Tagungsband geführt wird, schon eine umfassende Bestandsaufnahme oder einen verbindlichen Rahmen zu erwarten. Es sind tastende Schritte, mit denen versucht wird, entweder anhand von Verarbeitungen in Kunst, Literatur, Musik oder anhand von Untersuchungen zum Verhalten von Zeitgenossen in spezifischen Ausdruckssituationen Materialien zu finden, mit deren Hilfe wir unsere emotionale Existenz zu begründen und die sinnstiftende Funktion von emotionaler Intelligenz zu entwickeln vermögen. Wir sind uns also der Bedingtheit unserer Überlegungen sehr wohl bewusst - die historische Emotionsforschung kann noch nicht mit der zweihundertfünfzigjährigen formgeschichtlichen und der über hundertjährigen ikonologischen Forschung konkurrieren. Kurz, die vielen Fragen demonstrieren, dass wir uns mitten in einem "emotional turn" der Geistes- und Kulturwissenschaften befinden, der nach dem "linguistic turn" und dem "iconic turn" eine neue, notwendige Stufe der Auseinandersetzung mit unserem Material bezeichnet und gleichzeitig auf das wachsende emotionale Defizit in unseren Western Societies hinweist. x
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Gerade weil die Initiative zur Tagung "Emotionen in Nahsicht" als Abschlussveranstaltung des Graduiertenkollegs "Psychische Energien bildender Kunst" von der Kunstgeschichte ausging, war ihr Ziel ausdrücklich darauf angelegt, Philosophie, Neurologie, Kultur- und Naturwissenschaften zu verbinden und einem Missverständnis entgegenzutreten, welches "is based on the misguided fear that to embrace the findings of science entails the surrender of context, whether social or historical". David Freedbergs Überlegungen, aus denen dieses Zitat stammt, berühren an so vielen Stellen naturwissenschaftliche Positionen, dass wir seinen Beitrag gleichsam als Grundsatzerklärung an den Beginn gestellt und ihm breiten Raum zugestanden haben - auch deshalb, weil er zeigt, dass Kunstgeschichte, soweit sie auf faktischen Beobachtungen und Primärquellen beruht, eine ebenso \'harte\' Wissenschaft sein kann wie eine der "neural sciences". Aus ähnlichen Gründen haben wir im vorliegenden Band Simone Winko das Schlusswort eingeräumt, zeigt sie doch, dass selbst so ‚fragilen\' Gebilden wie lyrischen Gedichten handfeste emotionale Strategien zugrunde liegen. Mit den vorliegenden Tagungsakten wird das Abschlusscolloquium des Graduiertenkollegs "Psychische Energien bildender Kunst" publiziert. Man möge darin aber nicht die Summe der Erkenntnisse dieses Kollegs sehen. In den neun Jahren seiner Existenz wurden zwölf internationale Tagungen durchgeführt, von denen zehn in Buchform erschienen sind. Die Weite des Spektrums sei mit folgenden Themen angedeutet: Ein Colloquium über "Das Unheimliche" (1998 von Stefan Germer vorbereitet, von Falk Berger und Burkhardt Lindner durchgeführt) versuchte erstmals, psychoanalytische Kategorien auf bildende Kunst anzuwenden und zugleich, kunst- mit literaturwissenschaftlichen Fragen zu verknüpfen; die Tagung "Das Porträt vor der Erfindung des Porträts" (1999 von Martin Büchsel und Peter Schmidt geleitet) schloss an die jüngsten Debatten über Physiognomik und Pathognomik an, um diese auf eine neue Ebene zu heben; die Tagung "Zur Repräsentation von Männlichkeit in der Kunst und den visuellen Medien"(2000 von Mechthild Fend und Marianne Koos durchgeführt) verknüpfte Genderforschung und Psychoanalyse; das Symposium "Inkarnat. Theoretische und praktische Probleme der Hautdarstellung vom 14. bis zum 20. Jahrhundert" (2003 von Daniela Bohde kuratiert) deutete künstlerische Ausdrucksmittel in ihrer psychologischen Valenz; das Colloquium "Die Gefahr der Zerstörung. Kunst und Destruktivität" (2003 von Gerlinde Gehrig geleitet) war wohl die am stärksten psychoanalytisch orientierte Veranstaltung; die (2004 abermals von Martin Büchsel und Peter Schmidt durchgeführte) Tagung "Chaos und Verzweiflung. Die Kulturgeschichte der Unordnung" nutzte beispielhaft historische und literarische Quellen für emotionsspezifische Analysen. Außerdem fand eine viel beachtete Vortragsreihe über "Die (Ir)Rationalität der Bilder" statt (2002/3 von Regine Prange veranstaltet). Ein weiteres Ergebnis des Kollegs stellt der (2006 von Antje Krause-Wahl und anderen herausgegebene) Band "Affekte. Analysen ästhetisch-medialer Prozesse" dar, in dem ein bemerkenswerter Beitrag von Michael Hoff über den Begriff und die Geschichte der Affekte erschien, der auch Naturwissenschaftler zur Modifikation ihres Affektbegriffs anregen könnte. Unmittelbar vor dem Abschluss steht ein Lexikon, das in interdisziplinärer Absicht Grundbegriffe der Psychoanalyse für die Kunstwissenschaft behandelt; die Federführung liegt bei Gerlinde Gehrig und Ulrich Pfarr. Mehr als dreißig Promotionen konnten im Rahmen des Kollegs zum Ziel geführt werden. Die meisten dieser Projekte liegen inzwischen in Buchform vor, womit gesichert ist, dass die Ergebnisse des Kollegs in weitere Diskurse eingehen werden. Zu den mittelbaren Auswirkungen des Kollegs gehört auch, dass in den letzten Jahren eine kaum mehr überblickbare Zahl von Tagungen auf dem Gebiet der Emotionsforschung stattfand. Als wir 1992 mit den konzeptionellen Vorbereitungen begannen, waren wir allein - mit Vergnügen sehen wir, wie sehr sich das Interesse an emotionshistorischen Fragen inzwischen ausgeweitet hat. Da der vorliegende Band das Ende des Kollegs markiert, sei der Blick noch einmal auf dessen Anfang zurückgelenkt. Welche Ziele standen uns vor Augen, was wurde erreicht? Wir wollten die kunstpsychologischen Forschungen der 1920er Jahre (an Sigmund Freud und Aby Warburg anknüpfend) mit den kunstsoziologischen Aspekten der 1970er Jahre (unter Rekurs auf Theodor W. Adorno und Alexander Mitscherlich) zu einer Synthese vereinen, dies vor allem mit Hilfe der neueren amerikanischen und französischen Forschung. Wir wollten ferner Kriterien zur Erforschung von Außenseiterkunst entwickeln, und wir wollten sehen, was von den naturwissenschaftlichen und psychologischen Daten (bei Paul Ekman, Rainer Krause und anderen) für unsere Wahrnehmung ästhetischer Phänomene brauchbar sein würde. Das war für die Kunstgeschichte ein Durchbruch, wie Willibald Sauerländer mir schrieb. In der Durchführung zeigte sich allerdings bald, dass das erste Ziel zu hoch gesteckt war; für eine kritische Sichtung und gar für eine übergreifende Synthese aus den 1920er und 1970er Jahren bedürfte es wohl längerer Zeit, wenn auch vieles davon in die Publikationen des Kollegs Eingang fand. Aber alle anderen Ziele wurden erreicht und sogar übertroffen. Ausgelotet und vielfach konkretisiert wurde vor allem der Begriff der "psychischen Energien". Dieser von Sigmund Freud und Aby Warburg verwendete Begriff drückt, auf unser Projekt angewandt, das Wirkungspotential aus, das dem Kunstwerk innewohnt, seine Fähigkeit, die Welt eigenständig und bis zu einem gewissen Grade unabhängig von vorgegebenen Konditionen zu gestalten und zu verändern; wir sprechen daher, medial argumentierend, auch von der "Eigenleistung" des Kunstwerks. Das Werk ist nicht nur Objekt unserer forschenden Neugier; es prägt unsere Wahrnehmung durch den emotionalen Überschuss, den es ausstrahlt und weitergibt. Diese besondere Produktivität konnte in vielen Arbeiten vom Mittelalter bis zur Gegenwart nachgewiesen und präzisiert werden. Immer wieder haben wir uns auch mit Outsider Art beschäftigt, einem Begriff, den niemand liebt, weil ja gerade die Interferenzen zwischen "In" und "Out" das eigentlich Spannende sind und weil niemand wirkliche Grenzen zwischen der Kunstproduktion von psychisch Gesunden und Kranken zu ziehen weiß. Hans Prinzhorn war ehrlich genug, sich gegenüber solchen Phänomenen als Analytiker außer Kraft gesetzt zu sehen. Thomas Röske, einer der Mitbegründer des Kollegs und seit vielen Jahren Leiter der Sammlung Prinzhorn am Psychiatrischen Krankenhaus der Heidelberger Universitätskliniken, ist diesen grenzüberschreitenden Fragen jedoch in vielen Ausstellungen nachgegangen; auch zwei Dissertationen (von Rolf Katerndahl und Silke Röckelein) haben Neuland auf diesem Gebiet erschlossen. Erwähnt sei endlich der fortwährende Kontakt zu Wissenschaftlern des Sigmund Freud-Instituts in Frankfurt, anfangs zu Falk Berger, in den letzten Jahren zu Rolf Haubl und zu Marianne Leuzinger-Bohleber, denen wir viele Anregungen verdanken, z. B., was die Rehabilitierung der biographischen Methode betrifft, die sich in der Psychoanalyse bekanntlich auf Fakten aus der Trauma-Anamnese stützt. Wenn wir beim Dank angelangt sind, so ist zunächst die Deutsche Forschungsgemeinschaft zu nennen, die das Projekt während des gesamten Zeitraums gefördert hat. Gedankt sei auch den Kolleginnen und Kollegen der Johann Wolfgang Goethe-Universität, die viel Zeit und Energie in das Kolleg investiert haben. Heike Hambrock sei für die langjährige Koordination des Kollegs gedankt, meiner Mitherausgeberin Antje Krause-Wahl für die Vorbereitung und Organisation der hier publizierten Tagung und für die ideenreiche Mitarbeit bei der Redaktion der Beiträge. Schließlich gebührt dem Verlag, personifiziert in Albrecht Driesen, Dank für die reibungslose und zügige Kooperation bei der Drucklegung.
i Vgl. Klaus Herding, Emotionsforschung heute - eine produktive Paradoxie, in: Pathos - Affekt - Gefühl. Die Emotionen in den Künsten, hg. von Klaus Herding/Bernhard Stumpfhaus, Berlin 2004, S 3-46. ii Johann Grolle, Hotline zum Himmel, in: Der Spiegel 21 (18. Mai 2002), 190-201; Außentitel: Hirnforschung/Der gedachte Gott/Wie Glaube entsteht, hier 192. iii Ebd., 194-196; Neurotheologie, 193. iv Beispiele für weitere Zeitschriftenartikel, Martin Kunz u. a., Im Rausch der Gefühle. Forscher entdecken, warum uns Glück, Trauer, Wut, Liebe und Verzweiflung so unwiderstehlich in ihren Bann ziehen, in: Focus 27 (1. Juli 2002), 114-122; Außentitel: Große Gefühle, Sieg und Niederlage, Trauer und Glück: Wie Emotionen entstehen. Warum niemand sie beherrscht. Was sie bewegen können; Veronika Hackenbroch, Blind für Wut und Freude, in: Der Spiegel 49 (1. Dezember 2003), 190-199, anschließend 200-206: Interview mit Antonio Damasio, Außentitel: Seele aus Eis. Die Erforschung der Gefühlsarmut; Titelseite der Verlagsbeilage Nr. 17 der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 21. Januar 2004 mit dem Untertitel: Emotionen. Statt einer reinen Produktschau sollten Messeauftritte lebendig, erlebnisorientiert und emotional ansprechend gestaltet werden (auf S. 8 der Beilage unter dem Titel Erlebniswelt Messestand von Franz P. Wenger näher ausgeführt); Gerald Traufetter, Stimme aus dem Nichts. Hirnforscher entdecken die Macht der Intuition. [...], in: Der Spiegel 15 (10. April 2006), 158-171; Außentitel: Gefühltes Wissen. Die Erforschung der Intuition. - Beispiele für Buchpublikationen u. a.: Große Gefühle. Bausteine menschlichen Verhaltens, hg. vom ZDF-Nachtstudio, Frankfurt a. M. 2000; Stefan Klein, Die Glücksformel, 6. Aufl. 2004; ders., Einfach glücklich. Die Glücksformel für jeden Tag, ²2004; Claudia Wassmann, Die Macht der Emotionen. Wie Gefühle unser Denken und Handeln beeinflussen, Darmstadt 2002. v Am 25.10.2004. vi Vgl. Claudia Benthien/Anne Fleig/Ingrid Kasten, Emotionalität. Zur Geschichte der Gefühle, Weimar 2000. vii Aus einer Diskussion mit dem Vf. vom 12.1.2004. viii Vgl. Hans-Wolf Jäger, Politische Metaphorik im Jakobinismus und im Vormärz, Stuttgart 1971. ix Es ist hier nicht der Ort, Einzelfragen zur Friedrich-Forschung nachzugehen. Immerhin sei angemerkt, dass auch das Gemälde Dorflandschaft bei Morgenbeleuchtung von 1822 (Berlin, Nationalgalerie) Friedrichs Naturauffassung ebenso wie seine Auffassung von Tod und Auferstehung spiegelt. Zwar verengt die erst seit 1923 geläufige Bezeichnung Einsamer Baum den Bildsinn, doch ist unbestritten, dass der Baum im Emporstreben wie im Absterben seiner oberen Äste Friedrichs Weltbild emotional wiedergibt. Für die historische Emotionsforschung ist im übrigen auch von Interesse, dass die Mitleid und Trost suchende Bezeichnung Einsamer Baum gerade in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg aufkam. x Es liegt nicht im Sinne dieser Einleitung, die kaum mehr überschaubare Fülle der Literatur zur Emotionsforschung einer kritischen Würdigung zu unterziehen. Es sei jedoch verwiesen auf Thomas Anz, Emotional Turn? Beobachtungen zur Gefühlsforschung, in literaturkritik.de 8/12 (2006) <http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=10267>.