Biele-Wrunsch, Manuela: Die Künstlerfreundschaft zwischen Édouard Manet und Émile Zola : Ästhetische und gattungsspezifische Berührungen und Differenzen / Manuela Biele-Wrunsch
Mit einem Geleitwort von Ada Raev. - Taunusstein : Driesen (Driesen Kunstgeschichte), 2. Aufl. 2009. - 186 S. : 12 Farbabbildungen. ; 19 cm. Zugl.: Berlin, Humboldt-Universität, Magisterarbeit, 2002. ISBN 978-3-86866-017-3 Softcover, EUR 37,00 Zwischen dem Maler Édouard Manet und dem Literaten Émile Zola bestand eine langjährige, intensive und durch Kongenialität gekennzeichnete Freundschaft. Die Rezeption beider Künstler durch die Öffentlichkeit war zu deren Lebzeiten umstritten und auch im weiteren Verlauf Schwankungen unterworfen, wobei Manet seinen Ruf als Neuerer der Kunst stetig festigen konnte, während Zolas Kompetenz als Kunstkritiker zeitweise angezweifelt wurde. Erst in der jüngeren Vergangenheit und der Gegenwart hat Zola eine auch für ihn günstigere Neubewertung erfahren. Manuela Biele-Wrunsch stellt die Künstlerfreundschaft zwischen Édouard Manet und Émile Zola in ihren kunst- bzw. literaturgeschichtlichen Kontext und spürt Überschneidungen, Berührungen und Differenzen von Malerei und Literatur auf, um diese anhand ausgewählter Beispiele aus beiden Gattungen zu untermauern. Die Autorin stellt in einer ersten monographischen Untersuchung zum Thema diejenigen Gemälde Manets und Romane Zolas einander gegenüber, welche inhaltlich oder biographisch miteinander korrespondieren und untersucht wechselseitige Beeinflussungen dieser Werke aufeinander, um damit Manets und Zolas Künstlerfreundschaft zu illustrieren. Die Autorin: Jahrgang 1966; Abitur; Auslandsaufenthalt in Paris; Ausbildung zur Wirtschaftskorrespondentin; berufliche Tätigkeit u.a. in einer EU-Behörde; Studium der Kunstgeschichte, italienischen und französischen Literaturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin; Inventarisierung einer Sammlung von Buchkunst und Grafik im Jüdischen Museum Berlin (2002/2003).
Geleitwort: Es kommt nicht häufig vor, dass Magisterarbeiten im wahrsten Sinne des Wortes "das Licht der Welt" erblicken, indem sie als Buch publiziert werden und somit die Chance eines Eigenlebens jenseits der Schreibtische ihrer VerfasserInnen und GutachterInnen erhalten. Manuela Biele-Wrunsch hat sich dieses Privileg mit ihrer interdisziplinären Studie über Die Künstlerfreundschaft zwischen Édouard Manet und Émile Zola: Ästhetische und gattungsspezifische Berührungen und Differenzen wohl verdient. Die Ergebnisse ihrer Recherchen hat sie in flüssiger und angenehm abwechslungsreicher Diktion so zielgerichtet wie ausführlich dargelegt. Prinzipiell wird die Beziehung zwischen Manet und Zola, zweier zentraler Protagonisten der französischen Moderne, in den Kontext von Künstlerfreundschaften gestellt, die seit der Romantik eine wichtige soziale und mentale Konstante des Künstlerdaseins bildeten. Nachdem für die Fragestellung der Arbeit relevante biographische und kulturhistorische Hintergründe wie Herkunft, Ausbildung und Entwicklung des Künstlers und des Schriftstellers eingeführt worden sind, kommen die Rahmenbedingungen zur Sprache, unter denen beide agierten, nämlich die Symptome der rasanten Entwicklung der kapitalistischen Verhältnisse im Frankreich des Zweiten Kaiserreiches und in den Anfangsjahren der Dritten Republik. Auf gattungsgeschichtlicher Ebene gehört vor allem die sich ausgehend von Diderot etablierende und mit dem Salon verbundene Kunstkritik dazu. Sie begründete denn auch 1866 den Ausgangspunkt der Künstlerfreundschaft Manet-Zola, die bis zum Tode Manets 1883 andauerte, und stellt ein wichtiges Medium in der Beziehung der beiden so unterschiedlichen, aber gleichermaßen angefeindeten Verfechter der Moderne dar. Um Irritationen vorzubeugen, erörtert die kunsthistorisch wie literaturgeschichtlich gleichermaßen kompetente Autorin dankenswerterweise die nicht einheitliche Verwendung der Begriffe "Impressionismus" und "Naturalismus", mit denen im Paris der 1870er Jahre zwei Avantgarde-Bewegungen in Malerei und Literatur bezeichnet wurden. Während Zola mit Blick auf Manet häufig das Wort "naturalistisch" gebrauchte, wurde er seinerseits durchaus als "impressionistisch" charakterisiert, jedenfalls bezüglich seiner Landschaftsbeschreibungen. Manet wiederum, der bis heute als "Stammvater" der Impressionisten gilt, hatte sich nie explizit zum Impressionismus in der Malerei bekannt und auch an keiner der Ausstellungen der Gruppe teilgenommen. Émile Zola wird sodann als Kunstkritiker vorgestellt, dessen Anschauungen in der Formulierung kulminierten, ein Kunstwerk sei ein "Stück Schöpfung, gesehen durch ein kraftvolles Temperament". Manet, dessen häufig Skandale provozierenden Bilder Zola zu beiderseitigem Nutzen verteidigte, gestand er ein solches "Temperament" unbedingt zu, und zwar gekennzeichnet durch eine eigentümliche Nüchternheit, die er scharfsichtig als Symptom von Modernität deutete. Als Kristallisationspunkt der Untersuchungen von Manuela Biele-Wrunsch erweist sich das 1868 entstandene "Bildnis Émile Zola" von Édourad Manet, zugespitzt in der rhetorischen Frage: Charakterporträt Émile Zolas oder Thesenporträt zweier ungleicher Freunde? In Abwägung der Entstehungsumstände des Bildnisses - ein Geschenk Manets an Zola als Dank für dessen positive Zeitungsartikel und Salonbesprechungen, das jedoch in Manets Atelier gemalt wurde - und einer ausführlichen Analyse der Bildkomposition, ihrer ikonographisch bedeutungsvollen, stilllebenhaft angeordneten Bestandteile und des koloristischen Schlüssels, beantwortet die Autorin die von ihr gestellte Frage zugunsten der zweiten Version. Das Bildnis sage mehr über den Maler als über sein Modell aus und entpuppe sich dabei als ein "kunsttheoretischer Schauplatz", wie schon Katharina Maurer formuliert hatte. Aspekte wie die Begeisterung Manets für den Japonismus, die Wertschätzung von Vélazquez, der Wettstreit mit der Farbgebung der alten Meister, die Einbeziehung von trompe l\'oeil-Effekten u.a. mehr werden sachkundig erläutert, ebenso wie diejenigen Details, die auf Zolas berufliche Situation anspielen und ihn, wie die Pfauenfedern, als Literaten nobilitieren. In Übereinstimmung mit anderen AutorInnen wird das Bildnis ungeachtet des starken Selbstbezuges von Manet als Höhepunkt der Freundschaft zwischen dem Maler und dem Schriftsteller bewertet. Inwiefern die Lektüre von Zolas Romanen zentrale Werke Manets wie "Olympia", "Nana", "Im Wintergarten" und einen geplanten, aber nicht realisierten Zyklus für das Pariser Rathaus beeinflußt haben könnte, ist eine weitere in diesem Buch gestellte Frage. Manuela Biele-Wrunsch zeigt auf, dass literarische und bildnerische Erfindungen durchaus aufeinander bezogen sind, jedoch Maler wie Schriftsteller bei gemeinsamer Aufmerksamkeit für die gesellschaftliche Wirklichkeit jeweils von eigenen Strategien und Zielsetzungen ausgegangen sind. Die Autorin sieht sich in ihrer Analyse von Werner Hofmann bestätigt: während Manet mythische Prototypen der Gegenwart anverwandele, sie in ihrer Verfremdung und Vereinzelung aber auch monumentalisiere und mit Würde ausstatte, hole Zola umgekehrt den Mythos von seinem Monument herunter, verleihe ihm Alltäglichkeit und nehme ihm damit Würde und Unnahbarkeit. Diesem Unterschied sei es schließlich auch geschuldet, dass die Freundschaft zwischen Manet und Zola in den 1870er Jahren etwas lockerer wurde. Bezüglich der umstrittenen Vorbildfunktion des Romans "La Curée" für das in der Berliner Alten Nationalgalerie befindliche Gemälde "Im Wintergarten" (1879) kommt sie zu dem salomonischen Schluss: "Nun schätzte man Manet wohl falsch ein, bezeichnete man ihn als sozialkritischen Maler. Dennoch kann man in Manets Bild eine Synthese von Zolas Roman sehen, insofern der Maler - ebenso wie der Schriftsteller - als Künstler eine feine Antenne für die gesellschaftlichen Veränderungen seiner Epoche hatte und diese gleichsam in realistische Kunstwerke umzusetzen suchte." 1886, drei Jahre nach Manets Tod, erschien Émile Zolas berühmter Künstlerroman "Das Werk", in dem das Pariser Kunstleben der Zeit und zentrale ästhetische Fragestellungen gespiegelt sind. Da die Figur des Kritikers Pierre Sandoz selbstbildnishafte Züge des Romanautors trägt, befürwortet die Verfasserin eine mögliche Lesart des Romans als nachträgliche Reflexion der Künstlerfreundschaft zwischen Manet und Zola, jedoch unter Anerkennung folgender Prämisse: Während die Hauptfigur Claude Lantier im Äußeren eher an Zolas Jugendfreund Paul Cézanne erinnert, sind in der Charakterisierung seiner Werke und künstlerischen Intentionen unverkennbar Züge von Manet und seinem Schaffen aufgehoben. Gleichzeitig benennt Manuela Biele-Wrunsch eine Reihe von Faktoren, die die Figur des Lantier von ihrem Vorbild Manet unterscheiden: seine antibürgerliche Haltung, die Neigung zur Depression und das schließliche Scheitern am nie fertiggestellten "eigentlichen" Werk. Artikuliert wird dabei auch Zolas Unverständnis gerade für die malerisch-technischen Errungenschaften Manets (die Neigung zur Flächigkeit, zum Farbfleck, zur Isolierung einzelner Bildelemente), seine Kritik an den Impressionisten und seine Vorbehalte gegen symbolistische Tendenzen. Manuela Biele-Wrunsch läßt in ihrer Untersuchung keinen Zweifel daran, dass die Künstlerfreundschaft Manet-Zola ihren Ursprung im modernen Pariser Leben hat, wo avancierte Malerei und Literatur offenkundig aufeinander angewiesen waren, um sich der öffentlichen Meinung gegenüber zu behaupten. So ist es nur folgerichtig, dass abschließend noch einmal der Beweis angetreten wird, dass Manet und Zola voneinander profitiert und in der Berührung wie in der Abgrenzung ihren individuellen Ansatz intellektuell schärfen konnten. Berlin, im April 2004 Ada Raev Vorwort: Diese Arbeit wurde vom Institut für Kunst- und Kulturwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin im Sommersemester 2002 als Magisterarbeit angenommen. Mein Dank gilt sowohl meiner Betreuerin, Frau PD Dr. Ada Raev, als auch meiner Zweitgutachterin, Frau Dr. Annette Dorgerloh, für den zügigen Ablauf des Magisterverfahrens und für die moralische und fachliche Unterstützung in dieser Zeit. Darüber hinaus danke ich auch Fr. Dr. Irmtraud Thierse, die mir wertvolle Hinweise für die Recherche gegeben hat und durch deren persönliches Engagement und fachliche Kompetenz ich mich für das Studium der Kunstgeschichte überhaupt erst entschieden habe. Bedanken möchte ich mich auch besonders bei meiner Familie. Meinem Mann Oliver Wrunsch danke ich für die kritische und produktive Auseinandersetzung mit der Arbeit während des Korrekturlesens und für den familiären Rückhalt. Meiner Mutter Marianne Biele danke ich sowohl für die moralische Unterstützung, sowie für ihren praktischen Einsatz bei der Betreuung meiner Tochter. Euch beiden, sowie meiner Tochter Gwendolin sei diese Arbeit gewidmet.
Berlin, im April 2004 Manuela Biele-Wrunsch
Aus dem Inhalt: Geleitwort Vorwort Abbildungsverzeichnis 1 Einleitung 2 Biographische und kulturhistorische Hintergründe 2.1 Édouard Manet 2.2 Émile Zola 2.3 Künstlerische und kulturelle Verhältnisse in Paris um 1860 2.4 Kunstkritik in Frankreich 2.5 Zeugnisse der Freundschaft Édouard Manets und Émile Zolas 3 Impressionismus und Naturalismus 3.1 Édouard Manet und der Impressionismus 3.2 Émile Zola und der Naturalismus 3.3 Émile Zola und die Impressionisten 4 Émile Zola als Kunstkritiker 4.1 Émile Zolas Kunsttheorie 4.2 Émile Zolas Faszination von Édouard Manet 4.3 Émile Zolas Kunstkritiken zu einzelnen Werken Édouard Manets 5 Édouard Manets Bildnis Émile Zola: Charakterporträt Émile Zolas oder Thesenporträt zweier ungleicher Freunde 6 Zum Verhältnis von Édouard Manets Gemälden zu Émile Zolas Romanen 6.1 Émile Zolas Roman Thérèse Raquin und seine Bezüge zu Édouard Manets Olympia 6.2 Der Skandal um Nana - Bildnis und Roman 6.2.1 Das Bildnis Nana von Édouard Manet 6.2.2 Der Roman Nana von Émile Zola 6.2.3 Die gegenseitige Inspiration von Bild und Roman 6.2.4 Künstlerische Gegensätze in Édouard Manets und Émile Zolas Darstellungsweise der Nana 6.3 Édouard Manets Im Wintergarten und die literarische Quelle in Émile Zolas Romanwerk 6.4 "Der Bauch von Paris" (Le Ventre de Paris) - Édouard Manets Plan zur Ausmalung des Pariser Rathauses und die Bezüge zu Émile Zolas Roman 7 Émile Zolas Impressionistenkritik in Das Werk 7.1 Der Roman und seine Hauptfiguren 7.1.1 Émile Zolas Selbstdarstellung in seinem Roman Das Werk 7.1.2 Die Figur des Claude Lantier 7.1.2.1 Édouard Manets Züge in der Figur des Claude Lantier 7.2 Émile Zolas Kritik am Impressionismus und an Édouard Manet in seinem Roman Das Werk 8 Inspirationen, Berührungen und Differenzen 9 Schlußbetrachtung Bibliographie
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