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    Bender, Stephanie: Lebensentwürfe im Romanwerk Irmgard Keuns / Stephanie Bender

Taunusstein : Driesen, 2. Aufl. 2009 (Driesen Sprach- und Literaturwissenschaften). - 140 S. ; 19 cm. Zugl.: Frankfurt (Main), Universität, Magisterarbeit, 1997. ISBN 978-3-86866-090-6 kart., EUR 19,00
Irmgard Keun war eine ungewöhnliche und auch widersprüchliche Persönlichkeit im deutschen Literaturbetrieb. Sie machte Schlagzeilen als Fräuleinwunder, als schreibende Frau, die schon mit einundzwanzig Jahren zur Bestsellerautorin avancierte, als Schriftstellerin, die kein Blatt vor den Mund nahm, als moderne Frau. Im Zentrum ihrer Aufmerksamkeit steht das alltägliche Leben des deutschen Kleinbürgertums vor, während und nach der nationalsozialistischen Diktatur. Ihre Darstellung der deutschen Gesellschaft ist beißend, ironisch und stets treffsicher.
Stephanie Bender untersucht die Stör-Erfahrungen, die die Lebenskonzepte der Protagonistinnen in Irmgard Keuns Romanen ins Wanken bringen. Die Autorin zeigt, wie die Romanfiguren auf diese Lebenskrisen reagieren, welche Lösungsmechanismen ihnen zur Verfügung stehen und inwiefern sich eine kontinuierliche Entwicklung der beschriebenen Personen ablesen lässt.

Inhaltsverzeichnis

1.Inhalt
2. Früher Ruhm - Irmgard Keun in der Weimarer Republik
2.1 Aspekte der Neuen Sachlichkeit in Irmgard Keuns Romanen der Weimarer Republik
2.2 Die "Neuen Frauen".
2.3 Gilgi - eine von uns.
2.3.1 Wir werden es schaffen.
2.3.2 Betriebsstörung.
2.3.3 ...ich wollte mich freikaufen.
2.3.4 ...weil ich mehr und stärker will.
2.4 Das kunstseidene Mädchen.
2.4.1 Ich werde ein Glanz.
2.4.2 Da war ich ein Film und eine Wochenschau.
2.4.3 Ich bin was ganz Solides.
3. Die Exilromane.
3.1 Der lange Weg ins Exil.
3.2 Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften.
3.2.1 ...ich weiß jetzt wirklich Bescheid.
3.3 Nach Mitternacht.
3.3.1 Sanna - ...ich wollte nicht, daß sie gegen mich waren.
3.3.2 Algin - Ballast abwerfen.
3.3.3 Heini - Die Maus hat ausgepiepst.
3.3.4 Liska - über Männer und Liebe.
3.3.5 Tante Adelheid - ...schlimmer als tausendfeindliche Flugzeuge.
3.4 D-Zug dritter Klasse.
3.4.1 Lenchen I - Warten auf den Märchenprinzen.
3.4.2 Lenchen II - unpolitisch aus Unfähigkeit?
3.4.3 Lenchen III - Leiden am Exil.
3.5 Kind aller Länder.
3.5.1 Die Position der kindlichen Erzählerin.
3.5.2 Kullys Vater - Heimat Europa.
3.5.3 Kully - Ich habe schon viel herausgefunden.
3.5.4 Annchen - Weinen und warten.
4. Irmgard Keun und die Bundesrepublik Deutschland
4.1 Drei literarische Lager in Westdeutschland.
4.2 Ferdinand, der Mann mit dem freundlichen Herzen.
4.2.1 ...mal in Ruhe aussortieren können.
4.2.2 Nachkriegspanoptikum oder normale Zeiten.
5. Aspekte der Entwicklung und der Kontinuität im Gesamtwerk von Irmgard Keun.
6. Schlußwort
Bibliographie
Index.

Einleitung
Irmgard Keun war zu Lebzeiten eine ungewöhnliche, widersprüchliche Persönlichkeit im Literaturbetrieb. Als Autorin all dieser leichtsinnigen Dichter, altklugen Kinder, maßlosen Trinker, holden, hemmungslosen Mädchen und buchlangen Schwätzern und Schwätzerinnen wurde sie schnell bekannt. Sie machte Schlagzeilen als Fräuleinwunder, als schreibende Frau, die schon mit einundzwanzig Jahren zur Bestsellerautorin avancierte, als Autorin, die kein Blatt vor den Mund nahm, als moderne Frau. Einige Begebenheiten dieses ungewöhnlichen Lebens wurden allerdings in den letzten Jahren revidiert. Der Mythos vom Fräuleinwunder mußte bereits zu den Akten gelegt werden, da inzwischen erwiesen ist, daß sich Irmgard Keun fünf Jahre "verjüngte", um ihre Karriere anzukurbeln. 1931 gab sie bei der Publikation des ersten Romans an, 1910 geboren zu sein. Die Aussage wurde bis in die achtziger Jahre nicht überprüft. Unklar sind nach wie vor die Umstände ihrer Rückkehr ins nationalsozialistische Deutschland im Jahre 1940. Darüber existieren fast so viele verschiedene Angaben, wie es Artikel über diesen Gegenstand gibt. Ungeklärt bleibt die Frage, hat es die Manuskripte zu dem Roman Der hungrige Ernährer und der Autobiographie Kein Anschluß unter dieser Nummer wirklich gegeben, oder hat die Autorin wieder einmal - wie so oft - ihr Publikum zum Narren gehalten.
Irmgard Keun ist viel gereist, vor allem in ihrer Exilzeit. Manche dieser Reisen unternahm sie mit Joseph Roth. Die Stationen der gemeinsamen Auslandsaufenthalte sind im Kind aller Länder nachzulesen. Sie hat dabei viel gesehen und sie hat sehr genau beobachtet. Am genauesten und unerbittlichsten aber war ihr Blick auf das Leben in Deutschland gerichtet. In allen Romanen steht das alltägliche Leben des deutschen Kleinbürgertums im Zentrum. Ihre Darstellung der deutschen Gesellschaft ist beißend, ironisch, klarsichtig und scheut nicht davor, die Dinge beim Namen zu nennen. Die Schärfe ihrer Beobachtungen mildert sie durch ihre Begabung für humorvolle, amüsante Szenen. Eine bissig-witzige Mischung entsteht, die auch gerade diejenigen Bevölkerungsschichten rezipierten, die unter die Lupe genommen wurden. Bisweilen hat man versucht, Irmgard Keun in die Ecke der trivialen Unterhaltungsliteratur abzuschieben. Unterhaltend sind ihre Texte zweifelsohne - trivial sind sie, mit wenigen Ausnahmen, dagegen nicht.
Die Heldinnen ihrer ersten Romane sind junge Frauen, die sehr genau wissen, was und wohin sie wollen. Sie haben sich bereits teilweise abgenabelt von den kleinbürgerlichen Ideologien, mit denen sie aufgewachsen sind. Die jungen Frauen erleben Möglichkeiten weiblichen Lebens, die in den zwanziger Jahren nach dem Vorbild Amerikas entstanden und von der "neuen Frau" der frühen Dreißiger in Anspruch genommen wurden. Gilgi und Doris treten als emanzipierte, finanziell unabhängige Frauen auf, die ihren eigenen Kopf haben, mit deren Zielen man nicht unbedingt einverstanden sein muß, die aber auf alle Fälle in ihrer Selbstbestimmtheit einen erfrischenden Kontrast bieten zum tugendhaften Mütterchen am Herd - wie man es beispielsweise vom duldsamen "Lämmchen" aus Kleiner Mann was nun kennt. Irmgard Keun will damit jedoch keinesfalls das Bild der überzeugten Feministin als zukunftsweisend propagieren, und so läßt sie ihre Protagonistinnen straucheln. Deren erprobtes Lebenskonzept gerät ins Wanken und droht einzustürzen. Gerade diese Brüche im Lebensweg sind von Interesse für diese Arbeit.
Jedes individuelle Leben macht seine Erfahrungen, aber nicht jedes erfährt die Schwierigkeit, Erfahrungen zu machen. Wir möchten hier den Begriff der "Stör-Erfahrungen" einführen, der solche Erfahrungen bezeichnet, die bisherige Erfahrungen, Überzeugungen oder Selbstverständlichkeiten durchbrechen und eine Dissonanz gegenüber den Erwartungen enthalten. [...] Bei Stör-Erfahrungen übernommene Wirklichkeitsbilder revidiert und ihrer selbstverständlichen Geltung beraubt.
In welcher Weise Irritationen und Störerfahrungen auf das Leben der Keunschen ProtagonistInnen einwirken, soll diese Arbeit zeigen. Es wird untersucht, ob es sich um Brüche handelt, die allein der psychischen Beschaffenheit der Figuren zuzuschreiben sind, ob es sich um Einflüsse aus dem Privatleben handelt, oder ob Veränderungen (politische, ökonomische, soziale, etc.) der öffentlichen Umwelt, wie z.B. die Weltwirtschaftskrise oder die Machtübernahme der Nationalsozialisten, die persönliche Krisenerfahrung der ProtagonistInnen hervorriefen. Des weiteren wird darauf eingegangen, ob und wie die Lebenskrise gemeistert wird, ob die Figuren einen selbstreflektiven Blick auf sich richten, um die Umstände ihrer Individuation zu reflektieren und sich von den Ursachen zu distanzieren, oder ob sie sich als naives Produkt zu ihnen verhalten. Es wird geprüft, ob es bestimmte Lösungsmechanismen gibt und inwiefern sich eine kontinuierliche Entwicklung der Figuren ablesen läßt.
Die Analyse untergliedert sich in die Themenkomplexe Weimarer Republik, Exiljahre und Nachkriegszeit. Jedem dieser übergeordneten Abschnitte sind ein- oder mehrere einführende Kapitel zugeordnet. Diese beschäftigen sich mit den historischen Hintergründen, die in den Romanen verarbeitet werden, bzw. die Entstehung der Romane beeinflußten. Gleichzeitig findet eine Einordnung in das literarische Umfeld der Werke statt. Mitunter wird auf die Biographie der Autorin verwiesen, jedoch nur, wenn es autobiographische Zeugnisse zum Leben und Entstehungshintergrund der Werke gibt. Solche autobiographischen Dokumente sind u.a. die Bilder aus der Emigration, die Briefe an Arnold Strauss und der Briefwechsel mit Hermann Kesten. Die diesen Angaben teilweise widersprechenden Darstellungen der Biographie Was man glaubt, das gibt es von Gabriele Kreis wurden nicht zur Verwertung mit herangezogen, da der sehr stark interpretierende und psychologisierende Ansatz der Biographin nachträglich kaum von den historischen Fakten getrennt werden kann.
Seit Ende der siebziger Jahre erscheinen regelmäßig wissenschaftliche Arbeiten, die sich mit dem Werk von Irmgard Keun befassen. Die wohl wichtigsten Untersuchungen stammen von Doris Rosenstein, die in Irmgard Keun: Das Erzählwerk der dreißiger Jahre alle Romane der Autorin, mit Ausnahme von Ferdinand, der Mann mit dem freundlichen Herzen, eingehend untersucht. Innerhalb dieses Buches ist allerdings ein nicht erklärtes Ungleichgewicht im qualitativen und quantitativen Ausmaß der Untersuchungen der einzelnen Romane zu erkennen. Zu den Romanen Das Mädchen mit dem die Kinder nicht verkehren durften und D-Zug dritter Klasse bietet Doris Rosenstein wenige Erkenntnisse. Dieses Mißverhältnis spiegelt sich auch in anderen wissenschaftlichen Arbeiten wieder. Irene Lorisika beispielsweise spart in ihrer Dissertation Frauendarstellungen bei Irmgard Keun und Anna Seghers, die beiden erwähnten Romane vollständig aus.
Die aktuellste Publikation zu Leben und Werk der Autorin ist der Dokumentarband Irmgard Keun. Zeitzeugen, Bilder und Dokumente erzählen, der im vergangenen Jahr erschien. Freunde und Bekannte Irmgard Keuns erinnern sich in diesem Buch an die gemeinsame Zeit mit der Autorin und geben Aufschluß über die bisher wenig untersuchten Lebensjahre nach dem Zweiten Weltkrieg.

Bibliographie
Antes, Klaus: "Einmal ist genug. Irmgard Keun über ihr Leben und ihr Werk. Gespräch", in: Irmgard Keun: Nach Mitternacht. Mit Materialien, hrsg., ausgewählt und eingeleitet von Dietrich Steinbach, Stuttgart, 1982, S. 140-162.
Ders.: "›Woanders hin! Mich hält nichts fest!‹ Klaus Antes im Gespräch mit Irmgard Keun", in: die horen, Band 1/1982, 27. Jahrgang, Ausgabe 125, Hannover, 1982.
Ackermann, Michael: Schreiben über Deutschland im Exil. Irmgard Keun: Nach Mitternacht. Anna Seghers: Das siebte Kreuz, Stuttgart, 1986.
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Benjamin, Walter: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, Frankfurt, 1963.
Becker, Sabina u. Weiß, Christoph (Hrsg.): Neue Sachlichkeit im Roman. Neue Interpretationen zum Roman der Weimarer Republik, Stuttgart u. Weimar, 1995.
Berglund, Gisela: Deutsche Opposition gegen Hitler in Presse und Roman des Exils. Eine Darstellung und ein Vergleich mit der historischen Wirklichkeit, Stockholm, 1972.
Beutel, Heike und Hagin, Anna (Hrsg.): Irmgard Keun. Zeitzeugen, Bilder und Dokumente erzählen, Köln, 1995.
Borchert, Wolfgang: Das Gesamtwerk, Hamburg, 1949.
Ders.: Draussen vor der Tür, Hamburg, 1947.
Bovenschen, Silvia: "Gibt es eine weibliche Ästhetik?", in Ästhetik und Kommunikation, 25 (1976), S. 60-75.
Brentano, Bernhard: "Keine von uns", in: Die Linkskurve 4, 1932/Nr. 10, S. 27 f.
Bronsen, David: Joseph Roth. Eine Biographie, Köln, 1974.
Dahm, Volker: "Die nationalsozialistische Schrifttumspolitik nach dem 10. Mai 1933", in: 10. Mai 1933. Bücherverbrennung in Deutschland und die Folgen, Hrsg. Walberer, Ulrich, Frankfurt, 1983, S. 36-84.
Denkler, Horst: "Sache und Stil. Die Theorie der ›Neuen Sachlichkeit‹ und ihre Auswirkungen auf Kunst und Dichtung", in: Wirkendes Wort, Nr. 18, 1968, S.167-185.
Dittrich, Kattinka u. Würzner, Hans (Hrsg.): Die Niederlande und das deutsche Exil 1933-1940, Königstein/Ts., 1982.
Drewitz, Ingeborg: Die zerstörte Kontinuität. Exilliteratur und Literatur des Widerstandes, Wien/München u. Zürich, 1981.
Dreyfuss, Carl: Beruf und Ideologie der Angestellten, München u. Leipzig, 1933.
Erpenbeck, Fritz: "Eine Frau tritt in die Front. Zu Irmgard Keuns Roman ›Nach Mitternacht‹", in: Internationale Literatur, 1937, Nr. 6, S. 139-141.
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Fischer, Jens Malte, Prümm, Karl u. Scheuer, Helmut (Hrsg.): Erkundungen. Beiträge für einen erweiterten Literaturbegriff. Festschrift für Helmut Kreuzer, Göttingen, 1987.
Fließ, Elisabeth: "Mädchen auf der Suche", in: Die Frau 40, 1932, S. 172-178.
Fründt, Bodo: "Heimat ist da, wo ich gut behandelt werde", in: Stern, 24.09.1981, S. 236-239.
Gemert, Guillome (Hrsg.): Annäherungen Studien zur deutschen Literatur und Literaturwissenschaft im zwanzigsten Jahrhundert, Amsterdam, 1985.
Giese, Fritz: Girlkultur, München, 1925.
Grimm, Reinhold / Hermand, Jost (Hrsg.): Die sogenannten zwanziger Jahre, Bad Homburg, 1970.
Hermand, Jost / Trommler, Frank (Hrsg.): Die Kultur der Weimarer Republik, München, 1978.
Jagla, Jürgen: "Die zweite Heimkehr der Irmgard Keun", in: Kölnische Rundschau, 28.12.1972, Nr. 17, S. 17.
Jelinek, Elfriede: "Weil sie heimlich weinen muß, lacht sie über Zeitgenossen", in: Die Horen 25, 1980, S. 221-225.
Kerr, Judith: Als Hitler das rosa Kaninchen stahl, Ravensburg, 1971.
Keun, Irmgard: Bilder und Gedichte aus der Emigration, Köln, 1947.
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Dies.: D-Zug dritter Klasse, Amsterdam, 1938.
Dies.: Das kunstseidene Mädchen, Berlin, 1932.
Dies.: Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften, Amsterdam, 1938.
Dies.: Ferdinand, der Mann mit dem freundlichen Herzen, Düsseldorf, 1950.
Dies.: Gilgi - eine von uns, Berlin, 1931.
Dies.: Ich lebe in einem wilden Wirbel. Briefe an Arnold Strauss 1933-1947, hrsg. von Gabriele Kreis und Majory S. Strauss, Düsseldorf, 1988.
Dies.: Kind aller Länder, Amsterdam, 1938.
Dies.: Nach Mitternacht, Amsterdam, 1937.
Dies.: Wenn wir alle gut wären. Kleine Begebenheiten, Erinnerungen und Geschichten, Düsseldorf, 1955.
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Mertz, Peter: Und das wurde nicht ihr Staat. Erfahrungen emigrierter Schriftsteller mit Westdeutschland, Frankfurt/ Olten/Wien, 1985.
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Exilliteratur", in: Exilliteratur 1933-1945, Hrsg.: Koepke, Wulf und Winkler, Michael, Darmstadt, 1989, S. 23-44.
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